Corona im Vergleich mit der Grippe: Wie ist das mit der Übersterblichkeit?

In der Demografie bezeichnet die Übersterblichkeit eine erhöhte Sterberate im Vergleich zu empirischen Daten. Gerade zum Schluss von 2020, während der 2. Welle der Corona-Pandemie erhöhte sich diese Übersterblichkeit teilweise deutlich.

Jeden Tag sterben im Zusammenhang mit dem Corona-Virus viele Menschen, in der kleinen Schweiz starben in den letzten 24 Stunden rund 100 Menschen an der Krankheit COVID-19, seit Juni 2020 sind laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) 6’077 Todesfälle zu verzeichnen. Weltweit forderte die Pandemie laut der Johns Hopkins University bisher 1’953’866 Menschenleben.

In den sozialen Medien wird gerne von Corona-Kritikern behauptet, es gäbe 2020 gar keine Übersterblichkeit. Doch nun ist Januar 2021 und man kann einen ersten Blick zurück werfen.

Das Konservative digitale Blatt journalistenwatch.com behauptet beispielsweise:

«Dabei gibt es keine Übersterblichkeit durch Corona» journalistenwatch.com

Machen wir einen kurzen, nicht repräsentativen Fakten-Check.

Stimmt es, dass die Corona-Pandemie, ähnlich einer Grippewelle ist?

Traue keiner Statistik, …

Trotzdem, was gibt es für bessere Quellen, als repräsentative Statistiken. Doch welche Statistiken sind vertrauenswürdig? Am ehesten wohl die offiziellen, staatlichen Zahlen der verschiedenen Länder.

Bereits im Mai 2020 berichtete beispielsweise medscape.com, dass der Vergleich zwischen Grippe und COVID-19 ein Äpfel-Birnen-Vergleich ist. Grund dafür sei alleine schon die Tatsache, dass die Todeszahlen der beiden Erkrankungen mit unterschiedlichen Methoden erhoben werden. So würden bei Influenza die Zahlen der Todesfälle geschätzt, bei Corona aber gezählt.

Ein weiterer Umstand der zu Verzerrungen bei einem Vergleich zwischen Corona und «Grippewelle» führen dürfte: bei «normalen» Grippewellen, werden Patienten besser versorgt, da nicht Ausnahmezustand in Bezug auf Kapazitätsgrenzen der Intensivstationen bzw. verfügbarem Personal herrscht.

Abgesehen von der Korrektheit einer Statistik; wie ist das mit den zum Teil massiven staatlichen Massnahmen gegen die Pandemie? Es darf davon auszugehen sein, dass es im «Corona-Jahr» 2020 im langjährigen Vergleich mit den Vorjahren wegen den «Lockdowns» zu weniger Todesfällen im Zusammenhang mit der Arbeit, oder im Verkehr gekommen ist.

Demgegenüber starben im 2020 vielleicht mehr Menschen wegen Unfällen im Haushalt, oder wegen häuslicher Gewalt, oder Selbstmorden.

Weiter steht der Gedanke im Raum: was wäre gewesen, wenn keine staatlichen Massnahmen gegen die Pandemie vorgenommen worden wären?

Denken wir weiter im Schema der Kritiker: müsste nicht sogar, folgerichtig, eine Untersterblichkeit festzustellen sein, nach der Logik der Corona-Leugner? Aufgrund der massiven, dauerhaften Massnahmen und Einschränkungen gegen die Pandemie im 2020 (Kontaktreduzierung, Zuhausebleiben, Maskentragen, Homeoffice etc) müssten ja eeigentlich weniger Menschen sterben als im Durchschnitt?

 

 

USA – Corona im Vergleich zur Grippe

Die USA ist besonders stark von der Pandemie betroffen. Von den bald 2 Millionen Todesfällen weltweit entfallen rund 380’000 Todesopfer auf die USA; das sind immerhin beinahe 20%:

«Beispielsweise wurden in der Woche vor dem 21. April 2020 für die USA 15.455 Todesfälle aufgrund von COVID-19 gemeldet und in der Woche davor 14.478. Im Gegensatz dazu zählte das CDC in den jeweiligen Spitzen-Wochen der Influenza 351 (Woche 11/2016) bis 1.626 (Woche 3/2018) Todesfälle, woraus sich ein Durchschnitt von 752 ergibt, also etwa nur dem 20.Teil der jetzigen Todesfallzahlen aufgrund von COVID-19.» (medscape.com)

Die folgende Grafik zeigt die Zahlen der Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus sowie der Grippe bzw. allen Todesursachen in den USA.

Statistik: Tägliche Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus (COVID-19) in den USA im Vergleich zu Influenza und allen Todesursachen (Stand: 10. Januar 2021) | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Schweiz – Übersterblichkeit von Corona im Vergleich zur Grippe

In der Schweiz zeigt sich insbesondere im April 2020 sowie im November/Dezember eine deutliche Übersterblichkeit im allgemeinen, langjährigen Vergleich.

Im Durchschnitt sterben jährlich etwa 1’500 Menschen an einer Grippe.

Allein in den letzten 6 Monaten starben aber landesweit bereits über 6’000 Menschen im Zusammenhang mit COVID-19. Diese Zahl bezieht sich demnach nur auf die Todesfälle der 2. Pandemiewelle.

Auch die Statistik-Website corona-data.ch zeigt in einer Vergleichsgrafik eine auffällig hohe Übersterblichkeit für die Schweiz an, dies im Vergleich mit Schweden, Deutschland, den USA sowie Norwegen:

Laut den Erhebungen ist das Fürstentum Liechtenstein trauriger Spitzenreiter in Bezug auf die Corona-Todesfälle: hochgerechenet auf 1’000’000 Einwohner starben im Ländle fast 30’000 Menschen. Im Fürstentum Liechtenstein leben insgesamt etwa knapp 39’000 Menschen.

In der Schweiz gibt es aber deutliche, regionale Unterschiede. Die 1. Welle bekam insbesondere das Tessin und die Genferseeregion zu spüren, die 2. Welle betraf vor allem die Ostschweiz, Zürich, Espace Mittelland oder auch die Nordwestschweiz:

Österreich: schmerzhafte zweite Welle

Das Ausmass der Übersterblichkeit der ersten Welle der Corona-Pandemie in Österreich sticht nicht so deutlich hervor, wie jenes der Todesfälle der zweiten Welle. Aber auch in Österreich ist aufgrund der vorläufigen statistischen Berechnungen mit einer deutlich erhöhten Übersterblichkeit für das Jahr 2020 zu rechnen:

Deutschland

Ähnlich zeigt sich die Lage in Deutschland, wie eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes zu Sterbefallzahlen des Jahres 2020 zeigt.

Besonders die 2. Welle der Pandemie trifft die Bundesrepublik stark:

«Dies wird beim Blick auf die Zahlen aus den Vorjahren deutlich: Im März 2019 starben beispielsweise etwa 86 700 Menschen. Im März 2018, also in einem Jahr, als die Grippewelle besonders heftig ausfiel, waren es 107 100. Auch ohne Corona-Pandemie können die Sterbefallzahlen demnach insbesondere in der typischen Grippezeit stark schwanken.» (destatis.de)

Demnach seien in Deutschland insbesondere zwischen der 13. bis zur 18. Kalenderwoche (23. März bis 3. Mai) durchgehend, sowie «deutlich erhöhte Sterbefallzahlen» im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 festgestellt worden.

Grossbritannien:

Das Königreich beklagt viele Todesopfer im Zusamenhang mit COVID-19. In der Woche vor dem 1. Januar 2021 wurden 10’069 Todesfälle registriert. Eine Abnahme von etwa 1’500 Todesfällen gegenüber der Vorwoche.

Das Britische «Office for National Statistics» verlautbarte zuletzt, dass die Übersterblichkeit 26.6% «über dem 5-Jahresschnitt» liege. Bisher verstarben mehr als 80’000 Menschen in Grossbritannien an COVID-19.

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Zweifel und Kritik in den sozialen Medien

Kontroverse Gruppen wie z.B. die deutschen «Querdenker», QAnon-Anhänger, oder Neurechte zweifeln erwartungsgemäss an den offiziellen Zahlen. Mit Recht, gibt es doch einige Variablen.

Trotzdem:
an der nicht wegzuleugnenden Krankheit COVID-19 sterben erwiesenermassen deutlich mehr Menschen, als bei einer «durchschnittlichen» Grippe.

Folgend noch einige zuweilen kritische Tweets, zum Thema Übersterblichkeit:

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